Familie Ehrler: Dominic und Michael

Der Name Ehrler steht in Louisville für Milch und Eiscreme. Die Ehrlers waren bis in die 1970er Jahre hinein die grössten unabhängigen Milchproduzenten in Louisville. Wir treffen zwei der Ehrler-Brüder.

Die Ehrler-Brüder führten das Milchgeschäft ihres Gross­vaters ab 1946 in dritter Generation mit grossem Engagement und Erfolg: 35000 Kunden, 19 Läden in der Stadt, über 100 Mitarbeitende und 85 Trucks waren es in der Blütezeit.

Joseph Maria Ehrler und Elizabeth Schoenbaechler Ehrler.

Über der Eingangstür des Hauses klebt ein Einsiedeln-Sticker. Und während des Gesprächs präsentiert uns John Michael (Mike) Ehrler Einsiedler-Biergläser, aus denen er Louisviller Bier trinkt. Er erzählt: «Mein Grossvater, Joseph Maria Ehrler, kam 1857 als 18-Jähriger vom Sattel im Kanton Schwyz nach Louisville. Seine Familie war kinderreich und arm. Auswandern war die Lösung! Joseph Maria hatte sich schon vor seiner Abreise einen Sponsor und eine Arbeitsbewilligung in Kentucky organisiert. «Sonst hätte er wohl nicht so einfach einreisen können.»

Er arbeitete die ersten Jahre als Melker und Arbeiter für Lohmoeller, einen Schweizer Farmer in Louisville. «Es waren harte Zeiten während des Civil War. Aber Grossvater war fleissig, zuverlässig und sparsam. Das wurde den Schweizern ja allgemein nachgesagt. Statt Lohngeld erbat sich Joseph Maria von seinem Patron ein Pferd und einen Wagen, um etwas Eigenes aufzubauen.» Und so startete der ehrgeizige junge Mann im Jahre 1867, zehn Jahre nach Ankunft in der neuen Heimat, seinen eigenen Milchhof mit drei, vier Kühen beim Shelbyville Pike, heute Shelbyville Rd. Damals gab es in der Gegend ungefähr sieben Milchbetriebe. 1868 sprach man erstmals von einem Milchmann - dairyman - als Berufsbezeichnung.

Die Familie Ehrler mit ihren zehn Kindern.

Fast gleichzeitig liess Joseph Maria seine Verlobte aus der Schweiz nach Amerika kommen: Maria Elizabeth «Lizzie» Schönbächler aus Willerzell. Sie hatte vor ihrer Abreise im Kloster ­Einsiedeln als Näherin gearbeitet. Er heiratete die elf Jahre jüngere Landsfrau am 15. Juni 1871 in Louisville. Lizzie gebar innert 19 Jahren zehn Kinder. Später verkaufte der unternehmerische Joseph Maria sein Land mit 500 Dollar Gewinn, um ausserhalb der Stadt, östlich der ­Preston Street Road, Land zu erwerben und einen grösseren Betrieb aufzubauen. 1912 wurden seine beiden Söhne Alexander und Dominic Edward mitverantwortliche Partner in seinem prosperierenden Betrieb. Joseph Maria starb 1919. Die Ehrlers kauften in den 1920er Jahren 16 Hektaren Land an der Poplar ­Level Road und konnten somit ihren Betrieb nochmals beträchtlich ­vergrössern.

Ein grosses Drama geschah 1921, es setzte die ganze Stadt Louisville in Aufruhr. Der Sohn von Joseph Maria, Alexander Ehrler, wurde eines frühen Morgens auf der Milchtour von einem Dieb erschossen. Dieser hatte es auf seine Geldtasche abgesehen.

Auch unser zweiter Gesprächspartner, der Senior der Familie Dominic (Bud) Ehrler, geboren 1915, erinnert sich gut an seinen Grossvater Joseph Maria: «Er sprach nur sehr holprig Englisch, der weisshaarige kleine Mann mit dem grossen Bart. Und in seinem lustigen Akzent erzählte er uns, dass er anfänglich seinen Kunden die Milch aus grossen Kübeln ausschenkte - zweimal täglich, ­sieben Tage die Woche. Auf der Farm wurden die Kühe gemolken, und die frische, noch warme Milch sofort verkauft. Er fuhr mit Pferd und Wagen los, und seine Kunden holten die Milch direkt beim Pferdewagen ab.»

Bill Schoenbachler – Angestellter der Ehrler Brothers.

Die Anzahl Milchbetriebe in Louisville nahm im Laufe der Jahre enorm zu, und die Schweizer, insbesondere die Einwanderer aus der Region Einsiedeln, trugen das Ihre dazu bei. Im Jahre 1880* waren es 22 Milchmänner, 1890 schon 75 und 1910 sogar 116, die offiziell gemeldet waren, 75 Prozent davon trugen Schweizer oder deutsche ­Namen. Überdies zählte man im ­Jahre 1907 nicht weniger als 111 Farmen mit rund 3200 Milchkühen. Während es 1907 in Louis­ville nur eine einzige Dairy gab, die die Milch pasteurisierte, war es um 1920 bereits die Hälfte der Betriebe. Pasteurisation war ­lange Zeit für viele ein Fremdwort. Besonders die Schweizer Milch­männer wehrten sich lange vehement dagegen. Kühlschränke gab es damals noch keine, und entsprechend schwierig war die Kühlung der Milch, besonders in den heissen Ken­tucky-Sommermonaten. Am Anfang stellten sie die Milch in kaltes Wasser, später dann in Eis. Erst in den 1920ern und 30ern kamen ­effiziente Kühlsysteme auf, und die Pferdewagen wurden durch Trucks abgelöst. Die Investitionen für die einzelnen Betriebe waren enorm. Das spürten vor allem die vielen kleineren Firmen.

Dominic und Michael, die beiden «Grand Seigneurs» der Louisviller Milch-Szene, erinnern sich gerne an ihren Vater, Dominic Edward Ehrler (1886-1954), der sich mit der deutschstämmigen Sophie Amelia Bremer verheiratet hatte.

Alexander Ehrler, der 1921 bei der Arbeit ermordet wurde, auf seiner Milchtour.

«Vater sprach noch gut Schweizerdeutsch. Er hatte nur eine magere Schulausbildung in der katholischen Schule bei deutschen Schwestern erhalten und musste von klein auf im Betrieb mithelfen. Er erzählte uns immer wieder, dass er stolz sei, Schweizer ­Wurzeln zu haben. Aber Kontakte mit der Schweiz hatte er nie. Warum, wissen wir nicht. In Louisville hatte er viele Freunde aus der alten Heimat, er war in der Gruetli Helvetia Society und ging mit uns an den Wochenenden in die Swiss Hall. Aber weiter als 100 Meilen von Louisville weg ging er nie!»

Die vier Ehrler-Buben hatten zuhause mächtig anzupacken. «Jeden Morgen, vor der Schule, mussten wir die 33 Kühe melken. Unsere Mutter starb 1944 viel zu früh. Und als wir Jungs 1946 aus dem Kriegsdienst heimkamen, hiess es: In den ­Betrieb einsteigen! Vater war müde geworden, und so griffen wir ihm unter die Arme.» Zusammen mit dem Vater führten die Ehrler Brothers Jr. - Dominic Edward, Michael und Robert - den Betrieb ab 1950 erfolgreich weiter. «Die Produktion lief sehr gut. Wir wollten nicht mehr selber melken, und so bezogen wir die Milch nun von anderen Schweizer Bauern und pasteurisierten sie.»

Die Produktepalette wurde stetig erweitert. Neben dem Milch­ausschank gab es auch Rahm, Käse und Butter, Eiscreme und vieles mehr. Und so wurden die Ehrlers die grössten unabhängigen Milchproduzenten in Louis­ville. Bis 1967 funktionierte das bestens. Und schliesslich blieb Michael Ehrler bis zum Verkauf des ­Betriebs 1977 alleiniger ­Eigentümer der ­Ehrler’s Diary - die als letzte weit herum die Milch in ­Glas­flaschen verkaufte. Das Aufkommen grosser Einkaufszentren bedeutete 1977 das Ende der fast hundertjährigen, ­erfolgreichen Ära der Ehrlers.

Dominic (Bud) und Michael (Mike) Ehrler in ihrem Oldtimer.
Die Ehrlers auf der Reise …
… zu ihren Wurzeln in Einsiedeln, 2004.
Im Zentrum Louisvilles gibt es seit Anfang 2018 wieder einen «Ehrler’s Ice Cream»-­Treffpunkt für Glaceliebhaber.

Familie Ehrler

Grosseltern

  • Joseph Maria Ehrler (1839 – 1919) Sattel und Louisville
  • Maria Elizabeth Schönbächler Ehrler (1850 – 1910) Erlen-Willerzell und Louisville; Tochter von Josef Martin Schönbächler (1799 – 1874) und Maria Anna Josefa Kälin Schönbächler (1813 – 1883) Erlen-Willerzell

Eltern

  • Dominic Edward Ehrler (1886 – 1954) Louisville
  • Sophie Amelia Bremer Ehrler (1887 – 1944) Louisville

Onkel

  • Alexander Ehrler (1872 – 1921) Louisville

Söhne

  • Bremer Alexander Ehrler (1914 – 2013)
  • Dominic Edward (Bud) Ehrler Jr. (1915 – 2017)
  • John Michael (Mike) Ehrler (*1923)
  • Robert James Ehrler (1926 – 1990)
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